Willi Hinterleithner
Die Tatsachen
Ein Interview, 2005

Annette von Silben: Wir sind sehr glücklich, Sie interviewen zu dürfen.
Eike Mu: Ja, Mopi sei Dank, es ist wirklich fantastisch!
Willi Hinterleithner: Hmm, hmm, aber gern.
E M: Ja, wieso haben Sie gerade uns auserwählt, waren das die Schwingungen?
AvS: Sie haben doch alle Kollegen abgelehnt und die meisten Kolleginnen von uns…
W H: Na ja. Es müssen schon gewisse Voraussetzungen gegeben sein, also, ich mein. Ich will ehrlich sein, das ist doch die
Voraussetzung für ein gutes Interview, oder?
AvS, EM: Aber ja doch!
W H: Also. Ich kann’s ja ruhig sagen. Ihr habt einfach tolle Abdominalschwellungen, diese herrlichen Bäckchen und Kurven. Mir
gehen diese dürren Bohnenstangen auf die Nerven, die sind ja so hysterisch und haben keine Ahnung, so gar
kein Schwingungspotential. Oben Giacommetti, unten Botero, das ist’s was ich liebe.
AvS, EM: Was?
W H: Also, wie soll ich sagen, diese herrlichen Pöpsche und liebreizenden Schenkel. Zum Anbeten! Ich will ja beten, wenn ich
spreche. Nur so erreicht man die Transzendenz. Eure Hintern sind einfach göttlich! Und diese Seitentäschchen oder Reiterhöschen,
wie man auch sagt. Diese cumulus artige Fülle bei den Schenkeln. Das ist kosmisch. Die Dürren sind komisch. Oben ein Drittel und
unten drei Drittel. Das ergibt das Überganze. Kontraste. Nur durch Kontraste unterscheidet man. Darum seid Ihr so besonders. Ein
Kunstwerk ohne Kontraste, das wär’ doch fürchterlich.
AvS: Ohh!
E M: Genau. Das sag ich auch immer. Wenn ich heile und so, dann nehm…
W H: Ja, ja!
AvS: Diese „Tatsachen“, wie Sie es nennen, das haben Sie doch erlebt, oder?
Es wirkt doch manches ein bisschen überreal in Ihren Fotoarbeiten.
W H: Aber ja! Natürlich. Es wirkt bisweilen etwas überreal, weil die Tatsache wirkt, die Realität. Sie ist einfach so stark die
Realität. Sie geht daher aus sich raus ins…
E M: Ja, ja! Ich versteh das total. Es ist bei mir genauso, wenn ich heile und…
W H: Es ist reine Dokumentarfotografie. Ich halte nur fest, was passiert.
E M: Ich würde das auch bei meinen Sitzungen, wenn ich eine Kamera hätte, aber…
AvS: Aber wie kommt es, dass Sie fast immer mit oben sind am Bild, das ist doch unreal.
W H: Ganz und gar nicht. Ich halte die Kamera nicht. Ich verwende ein Stativ. Ich lasse also halten. Ich habe quasi einen Ständer
mit einer Kamera oben drauf.
AvS: Ständer, ulkig. Hast Du das gehört, Eike?
W H: Ich zeig ihn euch mal, wenn ihr brav seid. Wenn ihr mir auch was zeigt! Manus manum lavat.
E M: Was?
AvS: Er meint, er macht uns nass oder so, das ist Latein oder so.
W H: Alles braucht seine Nässe. Ihr, ich, der Film, das Fotopapier. Das klingt natürlich seltsam im digitalen Zeitalter. Das ist
eigentlich schon überreal. Analog!
E M: Was meint er mit Analog?
AvS: Unseren Popo wahrscheinlich, das ist auch Latein oder so. Er hat ’ne Macke. Aber immerhin hat er uns was Nettes gesagt
vorhin. Wir müssen ja nicht alles kapieren.
E M: Genau. Hauptsache, er nimmt uns.
AvS: Wie wir sind.
W H: Der Film also, der in die Großbildkamera kommt. Besser gesagt in ein Magazin. Da muss völlige Dunkelheit herrschen. Und dann
wird das Magazin quasi in die Großbildkamera eingeführt. Hinten. Von oben. Da kann schon wieder Licht sein. Zwei Schüsse pro
Magazin. Und das bis zu zehnmal. Mehr Schüsse, äh, Magazine hab ich nicht.
E M: Wow. Das ist doch genug!
W H: Wie man’s nimmt. Und dann wieder völlige Dunkelheit. Sechs Negativblätter gehen sich aus in einen Tank. Dann wird’s nass.
Der Entwickler. Lang geübt und probiert. Und 20 Minuten gleichmäßig rhythmisch schütteln. Handbetrieb. Man ist mit sich allein.
Dann Stoppbad, dann nochmals fünf bis sieben Minuten fixieren. Und dann wässern, dass es sprudelt. Bier hilft auch dabei. Beim
Wässern.
E M: Ich imitiere mit meinen Schülern auch die Kräfte um…
W H: Dann zum Trocknen aufhängen, 24 Stunden. Dazwischen die nächste Fuhr.
Wenn alles beisammen ist, folgt der Positivprozess.
E M: Bei mir ist das Positive auch Prozess, wenn ich heile und…
W H: Das ist für mich das Härteste. An Anfang geht’s, aber dann wird’s grauenhaft. Eineinhalb Jahre jeden Abend in der
Dunkelkammer, manchmal auch den ganzen Tag. Es geht auch an die Augen. Drum tut mir euer Anblick so gut. Ihr heilt mich.
AvS, E M: Aber gern!
W H: Zuerst das richtige Fotopapier finden. Barytpapier natürlich, also richtiges Fotopapier, kein Plastik. Die vielen Proben. Wie’s
dann auch reagiert beim Tonungsprozess. Die richtige Belichtung. Zig Belichtungsstreifen entwickeln. Vier Minuten im Entwickler,
dann Stoppbad, dann Fixierbad, kurze Wässerung. Dann mit dem Föhn trocknen. Das Papier dunkelt nach, wenn’s trocken ist, die
Kontraste verändern sich, die spätere Tonung muss mit berücksichtigt werden. Wenn dann alles passt, beginnt die eigentliche
Arbeit am Abzug. Silbergelatineprint nennt man das. Vier Minuten im Entwickler, gleichmäßig bewegen, mit der Brause kräftig
abspülen, abtropfen lassen, rein ins Stoppbad, gleichmäßig bewegen, mit der Brause kräftig abspülen, abtropfen lassen, rein ins
Fixierbad, sieben Minuten, gleichmäßig bewegen, mit der Brause kräftig abspülen, rein in das Zirkulationswässerungsgerät,
fünfundvierzig Minuten lang, damit es archivfest wird. Raus, abrakeln und rauf auf die aufgespannten Fliegengitter zum Trocknen.
Zwei bis drei Motive maximal die halbe Nacht, mehr schafft man nicht, wenn’s gut werden soll. Und dann noch die Wannen
auswaschen, das Labor reinigen. Jede Nacht. Nach 24 Stunden sind die Papiere trocken, aber völlig wellig. Eben kein Plastik. Dann
die Selentonung. Wieder die Chemie- und Wasserpanscherei. Mann muss eben wissen, welches Papier, wie die Tonung werden soll,
davon hängt vieles ab. Wieder auf’s Fliegengitter, und wieder ist der Dreck dann wellig.
Wenn man dann einen Haufen beisammen hat, Fotopapierrückseite mit Schwammtuch befeuchten, Glasplatte, säurefreien Karton
drauf, befeuchtetes Fotopapier drauf, wieder säurefreier Karton drauf, befeuchtetes Fotopapier drauf, wieder säurefreier Karton
drauf, befeuchtetes Fotopapier drauf, wieder säurefreier Karton drauf, befeuchtetes Fotopapier drauf, wieder säurefreier Karton
drauf und so weiter. Nach einer Woche werden dann die Kartons getauscht, und dann noch mal.
AvS: Das ist doch ätzend.
W H: Die Chemie, ja! Das andere ist schon Wahnsinn. Mir reicht es jedenfalls. Ich werd wieder zeichnen, schnell sein, unmittelbar,
obwohl ich langsam und überlegt arbeite.
AvS: Wie geht das. Fotografieren und zeichnen? Etwa Malerei auch?
W H: Genau. Als ich an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studiert hab und auch noch danach bis Mitte der neunziger
Jahre war Malerei mein großes Thema. Anfänglich ganz winzige Formate, Fingerkuppen groß, dann folgten die großen Tafelbilder.
Dann bin ich ins Burgenland übersiedelt, Sonne, andere Lichtverhältnisse, keine Berge mehr, ich komm aus dem Salzkammergut,
mich haben die Berge immer ein bisschen irritiert, schön anzusehen, aber der Blick kann nicht weiter. Drei Jahre Pause,
Hausrenovierung. Dann hab ich nach langem mit der Zeichnung begonnen. Die Fotografie war immer parallel bei mir, also kein
Modemedium, wie bei vielen anderen bildenden Künstlern. Ich hab mit 11 mit einer Leica begonnen, Handwerk also, hab die
Parameter verinnerlicht. Mir war die Fotografie immer ernst, hab keine Beliebigkeiten geduldet. Jeder Arbeit lag auch ein Konzept zu
Grunde. Zwangsläufig führte dann der Weg vom Mittelformat zur Großbildkamera. Ohne die Verstellmöglichkeiten, die Perspektive
und Fluchtpunktbeeinflussung, die Verzerrungen und Entzerrungen hätte ich keine Chance gehabt, die Arbeit ordentlich zu machen.
Die . Kompositionen und Effekte der „Tatsachen“ hätten so nicht funktioniert. Sie sind auch mein fotografisches Hauptwerk, trotz
der vielen anderen umfangreichen Zyklen. Bis jetzt zumindest. Aber mir reicht’s derzeit. Die ständige Dunkelheit ist unerträglich.
Und dann die wirklich scheußliche Laborarbeit. Die könnte man zwar gegen teure Bezahlung übergeben, aber man muss die letztlich
selbst machen. Ein Abzug ist eben auch Interpretation des Negativs. Das Bild ist erst dann fertig. Ich mach ja auch keine Skizzen
und Vorgaben für andere und lass dann von diesen ein Bild fertig malen. Für mich hat mein Foto den gleichen Stellenwert wie mein
Tafelbild. Es ist auch genauso aufwändig gemacht, komponiert. Und es muss auch handwerklich gut sein. Es wird genug dilettiert.
AvS: Sind Sie da nicht ein bisschen streng mit Ihrem Anspruch? Ist das nicht schon krampfig oder zumindest doch sehr anstrengend.
E M: Aber nein, ich plag mich auch immer sehr, bis ich die Schwingungen…
W H: Bei mir kommt halt was raus. Die Schwingung, und nicht nur diese, auch das Denken wird sichtbar. Man braucht mich eben
nicht fragen, was haben Sie sich dabei gedacht, gell? Und die Anstrengung soll man der Arbeit nicht anmerken, das muss alles
locker und organisch wirken. Ich lauf eben nicht mit verzerrtem Gesicht, hechelnd ins Ziel. Oder sitz bedeutungsschwanger mit
verdrehtem Blick da.
E M: Nein gar nicht!
AvS: Ganz im Gegenteil. Sie gucken uns die ganze Zeit nur auf das, wovon Sie vorher schon geredet haben, Botero und so, da
werd ich schon ganz bedeutungsschwanger.
E M: Und das mit Kennerblick.
W H: Aber Ihr spürt doch die Schwingungen, oder?
AvS, E M: Und wie!
W H: Aber, es ist doch nicht unangenehm?
E M: Aber heiß! Wie eine heiße Schlange, die meine Schenkel hoch kriecht. Ich denke auch sehr stark in Bildern.
W H: Ein Bild in Gedanken ist aber noch zu schwach als Bild. Ich will die Schlange auch sehen.
AvS: Ich seh’s nicht nur, ich spür’s.
W H: Meine Hand eine Schlange?
AvS: Nicht doch!
E M: Sie klettert zu mir!
W H: Demokratie! Gerechtigkeit!
E M: Uhhh. Heiß! Und die vielen Frauen haben da mitgemacht? Freiwillig? Haben Sie inseriert?
W H: Aber nein. Ich hab Sie angesprochen, überzeugt. Wenn’s um Kunst geht, machen sie alles. Und um Schönheit. Ich hab nur
schöne Frauen genommen. Wie auch beim Interview.
AvS, E M: Danke.
W H: Wir haben dann ein stimmiges Plätzchen gesucht, meistens musste ich etwas nachhelfen, es fehlt ja oft das Artifizielle. Und
dann haben wir geprobt. Regietheater also. Nicht das dämliche, bei dem die kreativ impotenten Regisseure mangels eigener
Erzeugungskraft das Stück zu einer Missgeburt verunstalten. Regietheater, bis es nicht mehr da war. Bis es Bild wurde. Auch das
Licht war uns gnädig. Meine Partnerinnen waren begeistert. Ich durfte vieles machen, was sonst keiner machen durfte. Die meisten
von Ihnen haben es auch überlebt.
AvS: Apropos Theater. Welche literarischen Vorlagen benutzen Sie? Was inspiriert Sie?
W H: Vorlagen hab ich keine. Ich bin ja kein Illustrator zu vorhandenen Werken. Also auch kein Regieillustrator. Aber inspirieren tut
mich viel. Zum Beispiel die Sonntagszeitung.
E M: Warum die Sonntagszeitung?
W H: Weil sie gratis ist. Da wird das Denken gleich freier. Mautfreie Inspiration x Frühschoppenbier = geistige Erregung hoch
postalkoholischer Geilheit.
E M: Schön.
W H: Und dann blättere ich eben durch und entdecke Frauenrücken mit schwarzen Steinen bedeckt, die ein Muster bilden. Oder ein
geiles Tittenfoto, den Bericht von Massenvergewaltigungen, die Siegerin im Wettbügeln, Bösewichte, die Frauen bügeln, dass
Schwitzen gesund ist, und wie man es bekämpft. Und das alles auf einer einzigen Seite! Grandios! Das entflammt mich,
Zusammenhänge, die ich nie zu denken wagte. Schöner wohnen, glücklicher leben, das Ich entdecken, die übernatürlichen Kräfte
wecken, einfach wunderbar!E M: Meine Worte! Ganz meine Worte!
W H: Wie es mir gelungen ist, in „Weniger beeinflussbar als unsere Psyche ist unser Körper.“ Ottilies oder in „Es hat sich im Rahmen
dessen bewegt, was ich erwarten durfte.“ Agnes’ Brüste zu heben, ohne sie zu berühren. Natürlich musste ich zuerst Rapport
aufbauen. Tagelang hab ich die Brust gehalten und mich sehr konzentriert. Niemand kann sich vorstellen, was ich durchgemacht
hab. Keine Pausen, strenge Disziplin und auch die mentale Arbeit. Es waren noch dazu schwierige Brüste, denn sie waren sehr
schwer. Ich konnte mir auch nur eine Seite vornehmen. Und dann war es soweit. Ich drehte meine Hand mit dem Apfel und die
Brust stieg auf. Wir waren so glücklich. Wir weinten vor Freude. Theresia war hingegen ein Naturtalent. Sie konnte mit ihrem
entzückenden Bauch in „Sie haben Angst, Gefühle in etwas zu investieren, was keine Zukunft hat.“ in paralleler Negativform
Bildelemente verdrängen. Aber man kann in den Fotos das ja alles sehen. Das brauch ich nicht zu beschreiben, es ist ohnehin alles
sehr gut sichtbar.
E M: Welche Mantras wenden Sie an, welche Mentaltechniken?
W H: Viele. Absichtslos absichtsvoll. Absichtsvoll absichtslos. Mit Absicht voll, voll mit Absicht.
E M: Ich verstehe.
W H: Weiß ich.
AvS: Aber es kann ja nicht nur die Gratis-Sonntagszeitung sein.
W H: Aber nein. Das Geschwätz und die Banalität ist nur eine Seite. Da gibt’s natürlich Literatur, Philosophie…
AvS: Lacan, Derrida…
W H: Na ja. Ich hab sie natürlich und viele andere auch in den 80ern, wie sie Mode waren, gelesen. Aber ich neig mittlerweile dazu,
mich eher Ligeti anzuschließen, wenn er meint, dass die alle nur Psychoanalyse mit Mystizismus gemischt haben und alles leeres
Geschwätz sei. Noch schlimmer sind aber die Kunstschreiberlinge. Ich hab mir mal die Mühe gemacht, einige Ausgaben einer
namhaften, intellektuell geltenden Kunstzeitschrift durchzuackern. Verschiedene Autoren und alles der gleiche Stil, das gleiche
pseudointellektuelle Gebrabbel, billigster Modejargon. Und gar nicht wenige Künstler machen auch noch mit. Lassen sich ihre Arbeit
vordenken. Und produzieren quasi Philosophisches. Gemeinplätze. latt. Bedeutungsschwängerungen. Übelste Banalität. Ligeti, ein
übrigens hervorragender Komponist. Schade, dass der Lachenmann ihn nicht mag, den ich auch sehr schätze. Der mag wiederum
den Nono, den der Ligeti wieder nicht mag. Ich lieb sie alle, ich hab halt ein großes Herz für Qualität…und schöne Formen.
AvS, E M: Danke.
W H: Dabei gibt’s tolle Philosophen, die wirklich was zu sagen haben, die präzise schneiden - Nietzsche, Schopenhauer, Nikolaus
von Kues … - das Mittelalter, überhaupt sehr, sehr wichtig für mich, die ästhetischen Schriften, die man aus dieser Zeit findet,
Avantgarde. Kurt Flasch: „Das philosophische Denken im Mittelalter“ , eine hervorragende Einführung, Aries, Duby „ Die Geschichte
des privaten Lebens“, alles sehr interessant, die ganze Zeit ist wahnsinnig reich und vielfältig, die irre Buchmalerei, die Fresken –
eine unglaubliche Kompromisslosigkeit gilt es da zu bewundern. Keine abgesoftete angepasste Konsensästhetik, keine fade Meta-
Malerei, keine Schöner-Wohnen-Ästhetik und auch keine billige plakative Provokation. Oder der „Roman de la Rose“ von de
Meune/Lorris – ein prachtvolles Werk, der Höhepunkt der Analogietechnik. Neben dem Plattenspieler. Dem Rosenroman verdank ich
sehr viel. Man muss nur genau meine Arbeiten anschauen. Und dann die Komponisten: Perotin, der erste Punker, die Niederländer -
Dufay, Ockeghem, Josquin - und viele andere, das ist bis jetzt nicht überboten worden - und sie sind immer noch moderner als
viele, die heute glauben, was erfunden zu haben. Aber ich bin nicht auf diese Zeit fixiert. Es gibt so viel. Jean Paul zum Beispiel.
AvS: Sartre?
E M: Belmondo?
W H: Jean Paul! Für mich ist er in der Prosa der Größte. Trotz Joyce, Arno Schmidt, Kafka, Carroll, Faulkner, Benn, ETA Hoffmann
und vieler anderer. Ein Satz von ihm versetzt mich bereits in Ekstase. „Sprachgitter“, das Wort kommt im „Siebenkäs“ vor, Celan
hat’s dann als Titel verwendet. Aus fünf Seiten Paul, kann man einen ganzen Gedichtzyklus machen. „ Gefühlsbretter..“,
„Mäuseregen des Schicksals“, „warmer Heu-Tag“ „Lust-Chaos“ „…braune mit schwarzen Augen und weißen Zähnen setzten die
Grassicheln an die Augenbrauen,…“ „die einzelnen rotweißen Häuser schwankten durch die besonnten Baumstämme..“ „Wärme-
Messer anlegen“ „unsere Bilder lächeln aus brennender Woge“ „ihr Herz ist ein ausgesessener Großvaterstuhl, und übrigens hat sie
von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt, sondern auch die Perlen“. Das ist wahllos genommen, ich muss mich wälzen vor
Glück, kommt runter zu mir.
AsV: Das wird aber ein Lust-Chaos!
E M: Muschi-Auster!
AsV: Ein bisschen eng hier. Diese vielen Schallplatten hier auf dem Boden.
E M: Und die CD’s.
AsV: Das ist ja eine Überschwemmung!
E M: Wie viele sind das eigentlich?
W H: So insgesamt 17.000 schätz ich. Das gehört halt in einen anständigen Haushalt. Das meiste ist Klassik. Von Perotin bis ins 21.
Jahrhundert. Jazz , arabische und indische
Musik hab ich im Atelier, ein Teil der Opern ist unten, genau überm Weinkeller.
E M: Wahnsinn!
W H: Kommt, wir wollen Wagner hören!
AvS. Uhh. Der ist aber so üppig.
W H: Schwachsinn! Üppig seid ihr! Und das ist herrlich! Passt auf! Rheingold. Ihr seid jetzt meine Rheintöchter! Rein Töchter! Hähä.
Ich will rein Töchter! Und ich bin Alberich! Ich raub euch was. „Niemand sieht mich, wenn er mich sucht; doch überall bin ich,
geborgen dem Blick“.
AvS: Ich versteh, Sie Schlingel. Geborgen dem Blick. Wenn er drin ist.
W H: Wenn er sie auf hat.
E M: Überall.
W H: Eine herrliche Stelle. Zoltan Kelemen ist das, Neidlinger ist auch großartig. Ist nicht üppig, oder?
AvS, E M: Nein.
W H: Eben. Kommt bloß drauf an, wie man’s macht. Wird nur dann fürchterlich, wenn man’s schlecht macht. Haben jetzt halt keine
Wagner-Sänger. Das ist die Krise. Nicht der Wagner.Ein Wahnsinnskomponist. Ein Spitzenarchitekt, so wie Bach. Als Mensch, na
ja. Aber wenn man die Kunstgeschichte ethisch betrachtet, bleibt nichts über. Caravaggio, Gesualdo waren Mörder zum Beispiel.
E M: Uhh. Und die zwei riesigen Pendeluhren hier?
W H: Das sind keine Pendeluhren. Das sind Lautsprecher.
AvS: Da kommt aber gar nichts raus.
W H: Doch. Wenn man ganz nah hingeht. Das ist ja entscheidend. Dass die Musik nicht an den Boxen klebt. Tannoys aus der
Prestige-Serie sind das. Das einzig Vernünftige. Punktschallquellen. Papierchassis. Nicht dieser Modemist. Das ist zeitlos. Und spielt
emotioneller als alles andere.
E M: Wow! Wie das druckvoll rüberkommt.
W H: Bin das etwa ich?
E M: Nicht doch! Meine Chakren drehn sich schon.
W H: Die Schallplatte dreht sich ja auch. Analogie! Analogie!
AvS: Wieso kennt man Sie eigentlich am Kunstmarkt nicht?
W H: Markt. Eben. Anlageberatung. Aktie Kunst. Spekulierwerke. Oder Staatskünstler. Aushängeschild. Verdienste um die Republik.
Ich hab ja noch mitgemacht bis Anfang der 90er. Wurde eingeladen an Ausstellungsbeteiligungen. Hatte eine große
Einzelausstellung 87 oder 88 in einem Museum. 120 große Exponate. 3 musste ich wieder abhängen. Pornographieskandal. Und die
Pressekonferenz des damaligen Museumsdirektors, der jetzt noch ein größerer Museumsdirektor ist. Der seltsame Dinge über meine
Arbeiten gesagt hat. Ich hab die Pressekonferenz dann weitergeführt. Ihm das Wort genommen. Nicht sehr diplomatisch von mir.
Einmal wollte mir das Kunstministerium Flug nach Brüssel und Aufenthalt ezahlen. Wegen eines einzigen Bildes von mir, das in einer
Repräsentationsausstellung österreichischer Kunst vertreten war. Ich hätte lieber die Hälfte des Geldes gehabt, um Material kaufen
zu können. Ich bin nicht geflogen. Nein, ich wollte dann nicht mehr in der Form mitmachen. Türklinken wischen. Um Förderungen
betteln. Der junge, viel versprechende Künstler sein. Dessen Aktien teigen. Wertpapierproduzent sein. Buckeln. Marktangepasst
in Denken, Handeln und Worten. Unabhängig sein, den Kopf frei haben für meine eigentliche Arbeit. Da bin ich Fliesenleger geworden.
AvS, E M: Was?
W H: Ja. Fliesenleger beim Fernsehen. Pixel. Immer die gleiche Fläche verlegen. 720 x 576. Natürlich nimmt das auch Zeit und
Kraft. Aber Abhängigkeit von Spielchen und Spielregeln. Förderungen, Gunst und Glück, das ist kein Modell. Mit der nötigen
Ernsthaftigkeit und Disziplin kann man sehr wohl wieterarbeiten, unabhängig, wie man seine finanzielle Existenz sichert. Von den
Hobbykünstlern aus Geltungssucht, Seelenbefreiung und Zeitvertreib red ich gar nicht. Hobbykünstlerinnen mein ich natürlich auch.
Zum Glück kann ich auch noch so unterscheiden. Ohne innen und außen. Wirtschaft und Willkür sind übermächtig. Aber himmlisch
seid Ihr, meine Göttinnen. Voller Liebreiz. Und so erschöpft. Ich geh jetzt inen Wein holen. Von einem Unbekannten. Ich mach
auch da den Scheiß nicht mit. Interview im Nadelstreif im Weingarten. Aushängeetikette der Nation. Palazzo Vino. Alles durch
Förderung und Schmiere. Ich hol ihn jetzt, den No-Name-Tropfen. Ihr werdet euch wundern!
AvS: Danke! Danke!
E M: Danke! Vielen Dank!
AvS: Danke sehr! Danke! Danke!
E M: Danke! Wirklich vielen Dank!


Annette von Silben ist freie Journalistin und Autorin mehrerer Bücher u. a. „Kursbuch Kunst“, „Kursbuch Kontext“ und
„Kursbuch Diskurs“.

Eike Mu ist spirituelle Trainerin. Sie ist Herausgeberin der Zeitschriften „ Mopi Bote“ und „Hobby Meditation“
sowie Autorin des Buches „Endstation Licht“.